In meiner langjährigen Arbeit mit Menschen hat sich eine Erfahrung immer wieder bestätigt:
Menschen besitzen von früher Kindheit an einen eigenen inneren Wertekompass.
Er entsteht nicht durch Erziehung oder Einsicht,
sondern ist Ausdruck individueller seelischer Orientierung.
Im Laufe des Lebens wird dieser Kompass jedoch häufig überlagert –
durch Anpassung, soziale Erwartungen
und durch Haltungen, die gesellschaftlich als opportun erscheinen.
Werte zeigen sich als Gefühle
Werte sind keine abstrakten Prinzipien.
Sie äußern sich unmittelbar als Emotionen.
Angst, Freude, Wut, Neid, Verwirrung oder Trauer
sind keine Störungen,
sondern Hinweise auf innere Ausrichtung oder Abweichung.
Wer lernt, die Sprache der eigenen Gefühle zu verstehen,
beginnt, den eigenen inneren Kompass wieder wahrzunehmen.
Das setzt jedoch eine Entscheidung voraus:
die Bereitschaft, Gefühle nicht nur zu analysieren,
sondern sie in ihrer vollen Intensität zu erleben.
Gefühle als Antwort auf erlebte Wirklichkeit
Gefühle sind weder Gedanken noch Erkenntnisse.
Sie entstehen nicht durch Überlegung
und lassen sich nicht durch Einsicht ersetzen.
Wir erleben in unserem sozialen Umfeld fortlaufend Situationen,
die uns direkt oder auch nur peripher betreffen.
Noch bevor wir sie einordnen oder bewerten,
regt sich etwas in uns.
Dieses erste innere Regungsgeschehen ist kein Gefühl im engeren Sinn,
sondern der Beginn eines Prozesses.
Vom Erleben zur inneren Orientierung
Im weiteren Verlauf dieses Prozesses klärt sich allmählich,
- was wir fühlen
- und welche inneren Werte dadurch berührt werden
Gefühle sind in diesem Sinne keine isolierten Zustände,
sondern bewegte Hinweise auf unsere innere Werteordnung.
Sie zeigen an,
wo etwas stimmig ist
und wo nicht.
Der Körper als Träger von Kongruenz
Um mit diesen inneren Werten in Kongruenz bleiben zu können,
wird der Körper einbezogen.
Über hormonelle und vegetative Steuerung
wird er in die Lage versetzt,
den entstehenden Emotionen angemessen Ausdruck zu verleihen.
Emotion ist daher nicht nur Erleben,
sondern auch Bereitschaft zu Handlung, Haltung oder Abgrenzung.
Wird dieser Prozess unterbrochen –
durch Anpassung, Angst oder Gewöhnung –,
entsteht innere Inkohärenz.
Reifung bedeutet Verkörperung
Emotionale Reifung bedeutet nicht,
Gefühle zu kontrollieren oder zu mäßigen,
sondern den Entschluss zu fassen,
sie in ihrer vollständigen Intensität wahrnehmen zu wollen.
Erst dann wird erfahrbar,
- was uns wirklich wichtig ist
- wo wir stehen
- und wofür wir Verantwortung übernehmen können
Diese Bereitschaft ist keine Technik,
sondern eine innere Haltung.
Beziehung braucht erkennbaren Kompass
Ein Mensch, der seinen inneren Kompass wahrnimmt
und sich an ihm orientiert,
wird für andere lesbar.
Nicht weil er berechenbar wäre,
sondern weil Gefühle, Werte und Handeln
nicht länger auseinanderfallen.
Ein solcher Mensch ist im eigentlichen Sinn erwachsen:
mit ihm wird echte Beziehung möglich.